Mobilität ist ein Segen und ein Fluch. Das konnte ich gestern am eigenen Leib erfahren, als ich in den LH-Flug 455 von SFO nach FRA einsteigen wollte. Der Plan: Zur Universität des Saarlandes zu reisen, um dort den Journalistenpreis Informatik 2010 in der Kategorie Print entgegen zu nehmen. Ein Defekt an der Landeklappe ließ die Maschine mit sechs Stunden Verspätung starten -- zu spät, um es ins Saarland zu schaffen, so dass ich die Reise in letzter Minute absagen musste.
Die Jury zeichnete meinen Beitrag "Immer im Visier" aus der Technology Review Deutschland 05/09 aus, in dem ich die stetige Aushöhlung des Datenschutzes durch aktive wie passive Datamining-Dienste und verlockende Location-Based Services untersuchte. Das Problem ist drängender denn je, wie die Pannen um Google Buzz und die geplatzte zweite Runde des Netflix-Wettbewerbs zeigen. Selbst was vorher bereits öffentlich aber nicht exponiert war, wird jetzt hyper-öffentlich, da auch kleinste Informationseinheiten durchsuchbar und aggregierbar werden -- und kein Verfallsdatum mehr besitzen.
Um solche kommerziell motivierten Missstände aufzuzeigen, müssen Akademiker und Journalisten einander die Bälle zuspielen, wie es im Falle von Netflix und anderen eklatanten Datenschutz-Lücken geschehen ist.
Aus gegebenem Anlass nachfolgend ein Auszug aus meinen Dankesworten an die Jury:
"Die Debatte um Vorratsdaten, Google Streetview, Social Networks und viele andere neue Dienstleistungen beweist stets aufs Neue, dass die technische Entwicklung das Ringen mit der richtigen Balance aus Datenschutz und Neugier längst hinter sich gelassen hat. Die magische Anziehungskraft von Diensten wie Foursquare kann kein Gesetz stoppen!
Wie danah boyd von Microsoft Research auf der Tech-Konferenz South by Southwest gerade vergangene Woche beredt dargelegt hat, liegt zwischen "Privacy" und "Publicity" eine gewaltige Grauzone, in der sich Verbraucher, Unternehmen und Politiker nur tastend zurecht finden. Oft merken Anbieter von Facebook bis T-Mobile erst viel zu spät, dass sie den Anliegen des einzelnen Nutzers zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.
Besonders kritisch ist diese Spannung zwischen dem technisch Möglichen und dem ethisch Unmöglichen bei Mobiltelefonen.
Skyhook, der größte Anbieter von mobilen Orts-Daten hat gerade ausführlich berichtet, auf wie viele Datenpunkte seine Kunden zugreifen können, um die Aktivitäten von Millionen Handy-Nutzern auszuwerten.
Nach eigenen Angaben sammelt die Firma inzwischen täglich rund 300 Millionen Ortungs-Anfragen von Handys. Sie werden gegen die Standorte von mehr als 200 Millionen WLAN-Hotspots und mehr als zwei Millionen Mobilfunk-Türmen abgeglichen -- egal ob Sie als Kunde das wollen oder nicht.
Der bislang einzige Anbieter, der aus dieser Datenflut Sinn schöpft, heisst SimpleGeo. Sie haben die Handydaten in eine halbe Milliarde -- also 500 Millionen! -- Planquadrate von je 100 mal 100 Metern Größe unterteilt. In ihnen gibt es für jede Stunde jedes Tages eine Detail-Ansicht.
Angeblich sind alle diese Dienste anonym. Das Versprechen ist oft nur dieses -- ein Versprechen. Forscher strafen regelmäßig die Datenschutz-Vorkehrungen von Firmen Lügen, die auf Anonymität bauen.
Jede dieser Pannen braucht Helfer! IT-Experten wie hier an der Universität des Saarlandes können Verbraucher alarmieren, wenn Lücken in den Diensten klaffen, auf die sie sich nichts ahnend verlassen. Und Journalisten wie ich -- und meine Kollegen in der Redaktion der Technology Review -- müssen die Bedenken solcher kompetenten Fachleute aufgreifen."
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