Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem kanadischen Unternehmensberater Don Tapscott zusammen zu setzen. Sein neues Buch Wikinomics
bringt an anderer Stelle eingeführte
Ideen wie Mass Collaboration, Crowdsourcing und Collective Customer Commitment
Production (PDF) auf eine griffige Marketing-orientierte Formel.
Fazit: Unternehmen müssen sich auf fundamentalen Wandel gefasst machen, da die "Weisheit der Masse" sowie lose definierter Experten- und Interessengruppen in alle Winkel der Wirtschaft schwappen wird. Eine Brise Sozialismus weht durch den neuen Kapitalismus!
Selbst wenn viele Elemente nicht revolutionär neu sind -- Tapscott versteht es, aus im Werden begriffenen Trends eine griffige Story zu stricken, wie er es mit seinen vorherigen Büchern The Digital Economy und Growing Up Digital getan hat. Wenn man die marktschreierischen Floskeln substrahiert, bleibt eine Herausforderung an alle Teilnehmer der Wissensgesellschaft, Unternehmer wie Arbeitnehmer. Jedes Glied der materiellen wie immateriellen Wertschöpfungskette ist künftig Verbraucher und Produzent zugleich.
Das kann das Rezept zum Chaos sein. Doch viele der Verwerfungen werden sich klären, wenn die neue, "in Bits gebadete" Generation aufgewachsen ist und die Stellschrauben der Wirtschaft übernimmt.
Mein ausführliches Interview mit Tapscott in voller Länge bei brand eins (Schwerpunkt Veränderung).
Weitaus kritischer steht der Gründer der Designlegende frog design, Hartmut Esslinger, dem Thema Crowdsourcing und Mass Collaboration gegenüber. In einem Gespräch im Firmensitz in Palo Alto erklärte er mir detailliert, warum er Zweifel hegt:
„Crowdsourcing und Mass Collaboration sind die zweite große Blase nach Dotcom.“ Seine jüngste Reise nach China sei der beste Beleg, wieso das angeblich so revolutionäre Zusammenarbeiten online über Firmengrenzen hinaus nicht funktionieren kann, sagt Esslinger.
„Viel wichtiger als die technischen Möglichkeiten ist die ethische Basis. Leute müssen sich kennen und einander vertrauen, sonst geht es nur um den Preis. Früher benutzte man Telefon und Fax, heute ist es das Internet. Das Hauptproblem ist das gleiche: persönliche Kontakte und Respekt. Wenn sich Person X und Y kennen, kann nicht plötzlich Person Z auftauchen -- egal welche Kultur auf der Welt man sich ansieht. Soll heißen: Web1.0 und die ganzen neuen Möglichkeiten zur asynchronen Kommunikation verhindern nicht, dass es oft auf gegenseitigen Beschiss hinausläuft.“
Bevor Firmen sich der Kreativität von Zulieferern und externen Kunden bedienen können, müssen sie sich erst einmal intern besinnen. „Firmen sind in sich bereits dysfunktional. Das Chefbüro ist abgehoben und hat keine Ahnung, was im Laden passiert. Sonst hätten die ganzen Leute unter ihnen nichts zu sagen: Strategie, Marketing, Entwicklung, Produktion, Vertrieb. Jeder Unterchef hat sein eigenes Königreich. Firmen wollen nicht einmal Daten intern teilen. Sobald die Wahrheit einzieht, sind wir morgen tot, heißt es.“
Externe einzubeziehen ist ironischerweise besser, sagt Esslinger: „Berater wie wir sind teils dazu da, interne Schwellen zu umgehen, und sie können schnell gefeuert werden, wenn sie schlechten Rat geben. Kunden kommen manchmal zu uns und wollen, dass wir mit anderen Abteilungen reden, weil wir dabei nicht das Gesicht verlieren. Natürlich gibt es gute Werkzeuge zur Kollaboration, aber man muss daran denken, dass die Leute ihre eigene Agenda haben, die entscheidet, ob sie sie einsetzen oder nicht.“
Crowdsourcing ist für den frog-Chef einfach Outsourcing bis zum Extrem weitergedacht. "Das Spektrum erstreckt sich zwischen astronomischen Gehältern für Führungskräfte und asiatischen Mindestlöhnen. Die soziale Gerechtigkeit bleibt dabei auf der Strecke. Crowdsourcing ist nur ein Etikett, das beschreibt, dass der den Auftrag bekommt, der etwas billiger erledigt als ich. Auf lange Sicht ist das Ausbeutung. Die Märkte polarisieren sich: billige Güter global, teure Güter lokal. Diese Machtverschiebungen werden noch gar nicht erkannt, weil alle auf die Technologie starren."
"Der grundsätzliche Gedanke, sich Kreativität extern hereinzuholen und zu nutzen, ist richtig, denn Kreativität in einer Firma geht eigentlich nicht. Wer wirklich etwas Neues macht und Altes überwinden will, kann das in einem Unternehmen nicht leisten. Aber die Umsetzung ist falsch. Die Art und Weise, wie Firmen sich externen Rat einholen, ist der Wahnsinn. Die laden fünf Berater ein und versuchen daraus ein Konsensprodukt zu entwickeln, als ob man das mixen kann. Da sage ich nur: Ihr braucht keine fünf Externen, Ihr habt die Richtung verloren!“
Wollen Endverbraucher überhaupt die Zeit und Energie aufbringen, um Dinge selber zu entwerfen? „Customization durch den Kunden ist wie Kosmetik. Wer hässlich geboren wurde, den macht sie ein bisschen schöner. Aber am Ende geht es um die ursprüngliche Schönheit eines Entwurfs. Customization entsteht im Designprozess, der ist eine hohe Kunst. Die Auswahl oder Dekoration kommt danach."
frog wollte in diesem Bereich anfangs aktiv mitspielen und gründete frogwerk im Jahr 2000. Es war Esslingers Versuch, ein neuartiges Kollaborationsnetzwerk aufzubauen, wie Harald Willenbrock in brand eins erzählte. Gedacht war es als B2B-Portal, das den gesamten Designprozess vereinen sollte. Heute sieht Esslinger das Projekt als teures Lehrmaterial:
„Frogwerk war eine schlechte Geschäftsentscheidung und wir mussten es schließen. Es war ein frustrierender Lernprozess, aber ich habe folgendes erkannt: Wir glaubten, dass etwas Gute dabei herauskommt, wenn man Entwicklung demokratisiert, Kunden und andere Externe mitdenken und mitarbeiten lässt. Die Strukturen in einem Unternehmen sind aber nicht willens, Offenheit und Transparenz zu fördern. Sie wollen abgeschlossene Segmente, die sich oft im Kriegszustand befinden. Dazu kam zweitens die Illusion, dass man nur rausgehen muss, um gute Ideen zu finden. Darunter litt bereits Web1.0 und jetzt Web2.0. Tatsache ist, wenn man sich nur die ganzen Blogs ansieht, sind wenige Shakespeares und Norman Mailers unterwegs. Die Qualität sinkt, es kommt nur Quatsch raus. Design und Innovation ist nun einmal ein elitärer Beruf! Bei Frogwerk war es nicht anders, die Ergebnisse waren so entsetzlich schlecht -- es versandet in Durchschnittlichkeit und Banalität. Das Angebot war da, aber wer will den Scheiß? Diese Einsicht hat uns zwei Jahre und acht Millionen gekostet. Am wichtigsten ist, dass wir jetzt bessere Berater sind, wenn ein Unternehmen zu uns kommt. Wir verstehen Prozesse besser als vorher. Und wir können besser vermitteln, dass man für Design und Innovation einen hohen Ausbildungs- und Wissensstand braucht."